Liebe Leserinnen und Leser,
in der Passionszeit richtet sich unser Blick auf das Leiden Jesu - und dabei kommen wir beinahe zwangsläufig auch über unsere eigenen körperlichen Leiden ins Nachdenken. Denn jeder menschliche Körper ist im Laufe eines Menschlebens Veränderungen ausgesetzt, die leidvoll sind: Der schmerzhafte Weg aus dem Mutterleib. Das qualvolle Zahnen bei den kleinen Kindern. Die Pubertät bei Jugendlichen auf dem Weg zum erwachsen werden. Krankheiten, Schwäche, die vielen Spuren des älter Werdens. Veränderungen am eigenen Körper tun weh und sind oft gnadenlos sichtbar für andere. Und nicht selten schämen wir uns dafür und versuchen, sie zu verstecken oder wenigstens mit Worten abzuschwächen, wie „Es gibt Schlimmeres… Anderen geht es auch nicht besser…“.
Unser Umgang mit solchen Veränderungen wirkt mitunter beinahe hilflos: Junge wollen älter aussehen und Alte wollen jünger aussehen. Und wie es in uns aussieht, geht sowieso niemanden etwas an.
Das Leiden am eigenen Körper nimmt die verschiedensten Formen an und kann Menschen richtiggehend gefangen nehmen, gefangen in den Grenzen, die unser Körper uns unerbittlich aufzeigt: die Grenzen der eigenen Kraft, die Grenzen des Wachsens und Reifens, die Grenzen unseres Lebens. Das führt manchmal dazu, dass wir in den Zeiten des Lebens, in denen diese Grenzen besonders spürbar werden, am liebsten ausbrechen, aus unserer Haut fahren möchten. Noch einmal wieder jung sein möchten. Noch einmal ganz gesund sein. Frei und leicht sein, ohne Grenzen.
Aber es ist immer genau dieser Körper, den der Apostel Paulus meint, wenn er uns erinnert: „Wisst ihr nicht – euer Leib ist ein Tempel des Heiligen Geistes, der in euch ist und den ihr von Gott habt.“ (1. Kor. 6,19) Der Apostel Paulus mit seinen epileptischen Krämpfen. Jesus am Kreuz. Sie, ich - unsere Körper, geschunden, oder ganz, sind immer auch ein Tempel Gottes. Von der Taufe bis zum letzten Atemzug und darüber hinaus, jung oder alt, krank oder gesund. Egal, wie es drinnen und draußen aussieht mit unserem Körper und seinen Grenzen, ist er für Gott weit und groß genug: „Euer Leib - mit allen Spuren der eigenen Lebensgeschichte, mit allen Möglichkeiten zur Lust und Kraft, mit allen Wunden und Schwächen - euer Leib ist ein Tempel des Heiligen Geistes. Darum verherrlicht Gott mit eurem Leib.“ Mein Körper, so, wie er ist, ist für Gott wohnlich genug, und ich kann Gott am besten damit herrlich machen, dass ich selber gut behaust bin in meinem Körper.
Liebe Leserinnen und Leser, vielleicht nehmen Sie diesen Gedanken mit auf ihrem Weg durch die vorösterliche Zeit und immer dann, wenn Sie ihren Blick auf Jesu Leib am Kreuz richten: Mein Körper – egal, wie gestaltet oder auch ungestaltet - ist für Gott wohnlich genug.
Ich wünsche Ihnen eine besinnliche Zeit auf dem Weg zum Osterfest.
Pastor Stephan Pregitzer.